Aus der Geschichte des Bettags


Jeder Dienstag soll ein Bettag sein: So bestimmt es jedenfalls ein Sittenmandat, eine staatliche Verordnung in Zürich im Jahr 1571. Tatsächlich sind solche Bettage staatliche Angelegenheiten. Die Kirche darf - oder muss, je nach Sichtweise - einfach mitspielen. Auch der Eidg. Dank-, Buss und Bettag am 3. Wochenende im September reiht sich in diese Tradition der vom Staat verordneten kirchlichen Feiertage. Und diese Tradition reicht weit in die Schweizergeschichte zurück. Schon vor der Reformation verordneten die staatlichen Obrigkeiten kirchliche Feiern mit einer Busspredigt und mit strengen Anweisungen zu besonders sittlichem Verhalten. Bettage bekamen ihre Bedeutung durch besondere Ereignisse, welche die Menschen erschütterten oder beeindruckten. Dafür einige Beispiele: 1572 wurde nach der Bartholomäusnacht in Zürich für die verfolgten Hugenotten gebetet. Der 30-jährige Krieg (1618-1648) gab Anlass für viele Bitt- und später Dankgebete, weil man in der Schweiz verschont geblieben war. 1796 rückte man inmitten der Revolutionswirren in der Schweiz auch konfessionell näher zusammen. Katholische und evangelische Kantone führten einen gemeinsamen Gebetstag ein. In der Entstehungszeit des Bundesstaates

und den Auseinandersetzungen zwischen kirchlichen Strömungen hatte der jährliche Bettag, seit 1832 für die ganze Schweiz eingeführt, noch staats- und kirchenpolitisches Gewicht. Den Geist dieser Zeit widerspiegeln die Zürcher Bettagsmandate aus der Feder von Gottfried Keller. Seit dem 20. Jahrhundert hat der Bettag viel von seiner politischen Bedeutung eingebüsst. Immerhin inspiriert er immer wieder zu Anstössen für kleine "Weltverbesserungen", den erfolglose Versuch der 70-er Jahre beispielsweise, einen autofreien Bettag einzuführen oder der Zürcher Hirtenbrief zur ökumenischen Gastfreundschaft von 1997, der die Diskussion um die gemeinsame Abendmahlsfeier von Protestanten und Katholiken belebte. Seit fünf Jahren rufen zahlreiche National- und Ständeräte in einer gemeinsamen Erklärung vor dem Bettag dazu auf, sich auf die christlichen Grundwerte der Schweiz zu besinnen und um Gottes Segen zu bitten.